Homer & Mykene
"Menin" ist das erste Wort in Homers Ilias....
Es wird auch als "das Eingangswort der ganzen europäischen Literatur" bezeichnet. Dieser Akkusativ von "menis", Groll, Zorn, signalisiert das Thema des Epos. Es ist nicht der Troianische Krieg als Ereignis insgesamt, sondern das, was in 15 693 Versen ausgebreitet wird, beschränkt sich auf nur 51 Tage der zehn Jahre des Kampfes von Griechen und Troianern. Der Kern der Handlung umfaßt gar nur vier Tage oder 13 444 Verse aus dem neunten und zehnten Kriegsjahr.
Das mit "Menin" bezeichnete Thema des Epos wurde schon in der Antike nicht immer als solches erkannt. So fragte mancher,warum der Dichter mit dem letzten Jahr begonnen habe und nicht mit dem ersten. Schließlich war Homers Werk als "Ilias" bekannt, weshalb Zuhörer und Leser ja eine chronologischen Erzählung der gesamten Geschichte erwarten mochten.
Eine andere Gruppe dagegen akzeptierte den Inhalt und die Hauptrolle des Achilleus, erwartete aber einen anderen Titel: in Anlehnung an die "Odyssee" etwa eine "Achilleia" oder passender: "Menis Achilléos", der Groll des Achilleus. Die Lösung des Problems ist einfach: Homers Epos hatte zunächst gar keinen Titel. Dieser wurde erst später erfunden, frühestens um 600 vor Christus.
Bedenkt man, daß die Homer-Forschung eine große Tradition innerhalb der deutschsprachigen Altphilologie ist, sollte man erwarten, daß der letzte umfassende Kommentar nicht allzu weit zurückliegt. Um so erstaunlicher ist es, daß ein solches Werk zuletzt vor hundertdreißig Jahren erarbeitet wurde, der berühmte, aber heute veraltete Kommentar von K. A. Ameis und C. Hentze, in der Forschung kurz als Ameis-Hentze bekannt.
Der neue Basler Ilias - Kommentar versucht auch neue Wege zu gehen, Leser und Interessenten außerhalb der Gräzistik zu erreichen. Man strebt nicht einen reinen Spezialkommentar an, wenngleich ein solcher integriert ist, vielmehr ist eines der Ziele, ....vielfach verschütteten Zugang zu Homer wieder möglich zu machen". So nimmt man auch
Rücksicht auf jene, die über keine Griechischkenntnisse verfügen, sich aber mit diesem Stück Weltliteratur beschäftigen wollen.
Ihnen trägt sowohl die neue Übersetzung nach der Ilias-Edition von Martin L. West (1998/2000) - Latacz hat sich gegen eine getreue Übertragung des Hexameters für den seiner Ansicht nach besser geeigneten Iambus entschieden - wie auch der hierarchische Aufbau des Zeilen-Kommentars Rechnung. Kunstcharakter und Wirkungsmacht des Epos sollen wieder stärker ins Bewußtsein gerückt werden. Außerdem werden Informationen aus Archäologie, Orientalistik oder Ägyptologie bereitgestellt, wenngleich der Leser keinen umfassenden archäologischen Kommentar erwarten darf, wie ihn etwa die "Archaeologia Homerica" liefern.
Eine wahre Fundgrube ist der Prolegomena-Band, der die Grundlage für die Kommentare bildet und zu deren Entlastung dient. Hier sind alle wichtigen Informationen zur Geschichte der Homer-Kommentierung, zur Textgeschichte oder zur Grammatik ebenso nachzulesen wie zu Metrik, Struktur und mykenischem Wortbestand in der Ilias.
Zwei ausführliche Verzeichnisse erklären die handelnden Götter und Menschen. So erfährt der Leser, wie das Werk Homers schon bald nach seiner schriftlichen Fixierung im späteren achten Jahrhundert vor Christus seinen Siegeszug antrat, wie es schon früh kommentiert wurde und bald zum Bildungskanon auch der Schüler gehörte, so daß in einer Komödie des Aristophanes nach Vokabeln gefragt werden kann. Man erfährt, daß von Aristoteles sehr wichtige Bemerkungen zur Kommentierung Homers stammen und wie die Alexandriner seit dem dritten Jahrhundert vor Christus die Homer-Philologie entwickelten, die Erklärung Vers für Vers und Wort für Wort. Graphiken veranschaulichen die Geschichte der Ilias-Kommentierung oder unterrichten über wichtige Erkenntnisse in der Homer-Forschung seit Milman Parrys Forschungen zur Oral Poetry 1928.
Lesenswert sind auch die Ausführungen über die nachweisbaren nachhomerischen Interpolationen einzelner Verse oder über die führende Rolle Athens bei der Überlieferung der Ilias. Damals erfolgte offenbar auch die Einteilung von Ilias und Odyssee in je 24 Gesänge, die spätestens seit Hipparchos - seit 522 vor Christus - alle vier Jahre bei den Großen Panathenäen, dem Fest für die Stadtgöttin Athena, vollständig vorgetragen wurden.
Neben etwa 1500 Papyri, die mehr oder weniger umfangreiche Teile der Ilias überliefern, kennen wir auch Handschriften aus dem Mittelalter und der Renaissance. Die prächtigste ist der Codex Venetus A in der Marciana in Venedig. Der kalligraphisch geschriebene und sorgfältig korrigierte Text ist dem anderer Handschriften oft überlegen. Die erste gedruckte Ausgabe der Ilias wurde 1488 in Florenz von Demetrios Chalkondyles veranstaltet.
Wie akribisch kommentiert wird, zeigen schon die gut eine Druckseite füllenden Erklärungen und Bemerkungen zum ersten Wort des Epos, zu "menin". Dort ist beispielsweise zu lesen, daß der angekündigte Groll im Vers 247 des ersten Gesangs als eingetreten konstatiert und im Vers 75 des neunzehnten Gesangs, also gegen Ende der Ilias, für abgeklungen erklärt wird. Dazwischen liegen 11 767 Verse, in denen Achills Affekt elfmal mit den gleichen Worten als immer noch andauernd bezeichnet wird. Zur Übersetzung von "menis" erfährt der Leser, daß das dafür gängige Wort "Zorn" keine angemessene Wiedergabe ist. Am nächsten komme ihm im Deutschen "Groll", wofür auch aus dem Grimmschen Wörterbuch zitiert wird: "der nachdruck liegt auf dem begriff des anhaltenden, nicht nachlassenden."
Homer "Ilias" - Reclam Verlag ISBN 3-15-000249-4
2008 : Raoul Schrott uebersetzt Homers "Ilias" neu und hat entdeckt, woher der Autor wirklich stammt. Damit hat er die Fachwelt herausgefordert !
("Die Zeit" 17.04.2008)
Mehr zu dieser neuen "Uebersetzung" (oder doch eher Nachdichtung ? _ koennen Sie hier lesen:
Raoul Schrott: Homers Heimat - Der Kampf um Troja und seine realen Hintergruende. Hanser Verlag Muenchen 2008 - 24,90 Euro.
Oder hier online lesen:
http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=1269&kapitel=1#gb_found
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