Ein Olivenbaum und die Chronologie der Aegaeis
Redaktion Archäologie Online vom 27.4.2006
Seit längerem schon gibt die Eruption des Vulkans auf der Insel Santorin in der Ägäis Archäologen und Naturwissenschaftlern Rätsel auf. Der gewaltige Ausbruch bedeckte ein weites Gebiet im östlichen Mittelmeer mit Asche und schuf so eine universelle Zeitmarke für die Synchronisierung von Kulturen der späten Bronzezeit in dieser Region. Die Datierung dieses Ereignisses ist aber bislang umstritten.
- Einen Meter lang und rund 3570 Jahre alt ist der auf Santorin gefundene Olivenast. Der Baum wurde in Lebendposition von der nach dem Ausbruch in gewaltiger Menge herab regnenden Asche begraben.
Die bisher angewandte Methode einer historischen Datierung über Königslisten und astronomische Konstellationen, insbesondere für Ägypten, grenzen die Eruption auf einen Zeitraum zwischen 1530 und 1500 v.Chr. ein. Dem entgegen stehen naturwissenschaftliche Datierungen, darunter Radiokarbondaten: Schwefel in Eiskernen aus Grönland und Proben aus Samen von der Insel Santorin lassen auf einen Ausbruch im 17. Jahrhundert v.Chr. schließen. Für eine zweifelsfreie Zeitangabe waren die Messungen jedoch nicht zuverlässig genug.
Ein Stück Olivenholz konnte jetzt Klarheit schaffen. Der Fund stammt aus der Gegend des minoischen Dorfes Akrotiri, dem "Pompeji der Bronzezeit", das vor über 3500 Jahren in Vulkanaschen versank. Gefunden wurde es bereits vor zwei Jahren von dem Geologen und Vulkanologen Dr. Tom Pfeiffer. Mit neuen Methoden gelang es einem Forscherteam der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, der Universitäten Heidelberg, Hohenheim und Aarhus/Dänemark, das exakte Alter des gefundenen Olivenbaums zu bestimmen, der beim Ausbruch eingeschlossen wurde. Ergebnis: Die Archäologen haben sich in ihrer Zeitrechnung bislang um 100 Jahre geirrt. Die neuen Forschungsergebnisse wurden in der Zeitschrift "Science" publiziert.
Herausragend ist der Fund vor allem deshalb, weil der minoische Vulkanausbruch der Insel Santorin ein wichtiges geschichtliches Ereignis mit Auswirkungen bis nach China und Amerika darstellt. Archäologen benutzen diesen Einschnitt in der Menschheitsgeschichte als Fixpunkt in der Historie des östlichen Mittelmeerraumes.
Den Durchbruch brachte eine Kombination neuer Untersuchungsmethoden: "Bei dem Olivenholz handelt es sich um den Ast eines Baumes, der beim Vulkanausbruch lebend verschüttet wurde", erklärt der Paläobotaniker Michael Friedrich, Mitarbeiter der Heidelberger Akademie der Wissenschaft, der an der Universität Hohenheim im Institut für Botanik arbeitet. Mit einem Computer-Tomographen, ähnlich wie ihn auch Mediziner benutzen, gelang es den Forschern, mehr als 70 Jahresringe in dem über 3500 Jahre alten Holz zu unterschieden.
"Danach konnten wir aus mehreren Ringen Holzproben nehmen und über die Radiokarbon-Methode datieren", erklärt Michael Friedrich. Dabei wird der Gehalt an C14, einer natürlichen Variante von Kohlenstoff gemessen, dessen Gehalt sich in der Natur im Laufe der Erdgeschichte immer wieder verändert hat. "Da wir wissen, wann der natürliche C14-Gehalt wie hoch war, können wir theoretisch zurückrechnen, wann der entsprechende Jahrring gewachsen ist", erklärt Dr. Bernd Kromer von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, die ihren Sitz am Institut für Umweltphysik der Universität Heidelberg .
Bislang scheiterte die Methode daran, dass der Kohlenstoff-Gehalt in den Jahrhunderten um den Ausbruch mehrfach nach oben und unten schwankte, das bedeutet, für jedes Messergebnis gibt es mehrere Alter, die in Frage kommen. "In diesem Fall haben wir erstmals mehrere Messergebnisse aus verschiedenen Ringen, von denen wir exakt wissen, wie weit sie auseinander liegen", erklärt Friedrich. Auf diese Weise erhielten die Forscher ein mehrteiliges Puzzle-Stück, für das nur eine kurzfristige Zeitspanne als Alter in Frage kam.
"Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent können wir das Ende der Siedlung Akrotiri nun auf die Jahre 1627 bis 1600 vor Christus eingrenzen", bestätigt Kromer. "Damit schließen wir von naturwissenschaftlicher Seite aus, dass der Ausbruch über die bisher etablierten Verknüpfungen mit der historischen ägyptischen Chronologie datiert werden kann. Vielmehr müssen die historischen und kulturellen Beziehungen der vielfältigen Kulturen der Spätbronzezeit im östlichen Mittelmeer neu untersucht und interpretiert werden."
Akrotiri auf Santorini
Die archaeologische Grabungsstaette Akrotiri

Akrotiri ist eine archäologische Ausgrabungsstätte im Süden der griechischen Insel Santorini . Im Jahr 1967 entdeckte der Archäologe Spyridon Marinatos eine Stadt der Kykladenkultur mit starkem Einfluss der minoischen Kultur. Die Stadt wurde in ihrer Blütezeit durch einen Vulkanausbruch verschüttet und so für über 3500 Jahre konserviert. Der exzellente Erhaltungszustand der Gebäude und herausragender Fresken erlaubt Einblicke in die Kulturgeschichte der Bronzezeit in der Ägäis.
Die Ausgrabungsstätte ist nach dem heutigen Dorf Akrotiri benannt. Es liegt oberhalb der Ausgrabung auf einem Hügel aus den ältesten Vulkangesteinen der Insel Santorini und wird von der Ruine einer Burganlage aus der Zeit der venezianischen Herrschaft (1204-1537) geprägt.
Die Geschichte der Ausgrabungen von Akrotiri
1867 baute ein französisches Bauunternehmen auf Santorin Bimsstein und Santorinerde für den Bau des Suezkanals ab. Ferdinand Fouqué, der Geologe des Unternehmens, registrierte prähistorische Mauerreste und Scherben in einem Tal unterhalb von Akrotiri sowie auf der Nachbarinsel Thirasia. Er stellte erstmals die These einer vom Vulkan verschütteten Kultur auf. Drei Jahre später machten französische Archäologen und 1899 der Deutsche Robert Zahn weitere unsystematische Funde im selben Gebiet um Akrotiri.
Der griechische Archaeologe Spyridon Marinatos
Der griechische Archäologe Spyridon Marinatos analysierte 1939 die Gesteinsschichten von Ausgrabungen einer Villa in Amnissos bei Knossos auf Kreta. Er stellte als erster die These auf, dass der gefundene Bimsstein von einem Vulkanausbruch auf Santorin stammen könnte und die Minoische Kultur auf Kreta durch Flutwellen als Folge dieser Eruption ausgelöscht wurde. Er sah in dieser Katastrophe den Kern der Legende von Atlantis.
Knapp dreissig Jahre danach hatte Marinatos die Möglichkeit, mit einer Grabung aus Santorini Beweise für seine These zu suchen. Am 25. Mai 1967 erfolgte der erste Spatenstich an der heutigen Ausgrabungsstelle. Den Ort hatte er ausgewählt, weil er den von antiken Autoren wie Strabon und Pindar überlieferten Anforderungen an einen Siedlungsplatz an einer flachen Küstenebene entsprach und die Bimssteinschicht hier erosionsbedingt mit maximal 15 m am dünnsten war ,.
Schon die erste Grabungskampagne brachte spektakuläre Ergebnisse. Marinatos und sein Team fanden eine Stadt aus der Bronzezeit, die der Minoischen Kultur nach kretischen Vorbildern nahe stand, doch eigene Merkmale aufwies. Durch einen Vulkanausbruch war die Stadt mit einem Schlag aus dem Leben gerissen worden und von den Schichten aus Bimsstein und Vulkanasche so gut konserviert worden wie sonst nur Pompeji und Herculaneum in Italien.
Im Oktober 1974 kam Marinatos bei einem Unfall in Akrotiri ums Leben; er stürzte von einer zusammenfallenden Mauer. Marinatos wurde dort beigesetzt und ein Gedenkstein erinnert an ihn. Die Grabungen von Akrotiri wurden nur kurz unterbrochen und werden bis heute fortgeführt, unter der Leitung von Marinatos damaligem Assistenten Christos Doumas.
Die Grabung von Akrotiri heute

Bis Heute sind ca. zwei Hektar der wesentlich größeren Stadtfläche freigelegt. Es handelt sich um eine Momentaufnahme der Stadt zum Zeitpunkt des Untergangs. Dabei wurden keramische Scherben von der Jungsteinzeit, über frühe Epochen der Bronzezeit wie der Kastri-Kultur bis zur Mittelkykladischen Zeit gefunden.
Das Gelände wurde kurz nach der Entdeckung mit einem Wellblechdach auf Stahlträgern überdacht, um die freigelegten Gebäude zu schützen. In den Jahren 2002 bis 2005 wurde die Überdachung durch eine neue Konstruktion ersetzt. Im September 2005 kam es zu einem Unfall, bei dem ein Teil der neuen Überdachung einstürzte und einen Touristen tötete. Da Zweifel an der Standfestigkeit des Daches bestehen, ist die Ausgrabungsstätte stillgelegt und kann nicht besichtigt werden. Seit 2009 wird ein neues Dach errichtet, die Fertigstellung ist zur Sommersaison 2011 vorgesehen.
Das bronzezeitliche Akrotiri
Akrotiri liegt an einem Hang etwa 200 m von der heutigen Küstenlinie entfernt. Erste Siedlungsspuren weisen zurück bis in die Jungsteinzeitim 5. Jahrtausend v. Chr. Die ältesten Keramiken sind eng verwandt mit Typen der Inseln Mykonos und Andiparos. Eine systematische Besiedelung wird in der frühkykladischen Zeit etwa ab dem Jahr 3000 v. Chr. angenommen. Metallverarbeitung lässt sich ab etwa 2500 v. Chr. (Periode II der frühkykladischen Zeit) nachweisen. Stilvergleiche lassen vermuten, dass der Umgang mit dem neuen Material und neue keramische Techniken aus der Nord-Ost-Ägäis auf die Insel kamen. Dort gibt es Spuren von Kriegen aus der Zeit zwischen 2600 und 2500 v. Chr., so dass vermutlich Flüchtlinge die Fähigkeiten von dort mitgebracht haben. Zur Blüte gelangte die Stadt erst in mittelkykladischer Zeit nach 2000 v.Chr.

Die Stadt Akrotiri
Sicher ist bisher , dass es sich in Akrotiri um weit mehr als nur dörfliche Strukturen handelt. Soweit die beteiligten Wissenschaftler Schätzungen publizieren, lässt sich die Einwohnerzahl bei auf 1500 bis 2000 Einwohner hochrechnen, bei großzügigen Annahmen auf bis zu etwa 9000 Einwohner.
Jahrzehnte vor der endgültigen Zerstörung hatte schon einmal ein Erdbeben die Stadt schwer beschädigt. Die Bewohner bauten sie wieder auf, wobei sie die Fundamente der alten Häuser verwendeten.
Die Straßen waren mit Steinplatten gepflastert, unter denen in einem Graben mit konstantem Gefälle die Kanalisation durch die Stadt verlief. Wo die Straßen nach dem früheren Erdbeben höher gelegt wurden, wurden die Platten und die Kanalisation überdeckt und die neue Oberfläche mit kleineren Steinen, ähnlich einem Kopfsteinpflaster, neu gebaut.
Die einzige freigelegte Straße steigt von Süden mit dem Gelände in nördlicher Richtung aufwärts. Die Ausgräber um Marinatos nannten sie wegen einer Metallwerkstatt in einem der Häuser der Straße „Telchinon Street", nach den metallverarbeitenden Telchinen in der griechischen Mythologie. Bei einer durchgehenden Breite zwischen 2 m und 2,20 m erweitert sie sich mehrmals zu Plätzen unterschiedlicher Größe. Werkstätten in den angrenzenden Häusern lassen vermuten, dass auf diesen Plätzen Handwerker bei gutem Wetter im Freien gearbeitet haben.
In den 1990er Jahren wurde auf dem größten Platz eine als Kenotaph gedeutete Struktur freigelegt. In Nischen innerhalb des Quaders lagen zehn Kykladenidole aus Marmor, im Umfeld wurden sieben weitere Figuren gefunden.
Die bisher gefundenen Häuser lassen sich nach der vermuteten Funktion im Wesentlichen zwei Typen zuordnen:
Die Häuser waren zwei- oder dreistöckig und aus unbehauenen Tuffsteinen, die mit Ton vermörtelt wurden, sowie mit Stroh vermengtem Lehm gebaut. Holzbalken trugen Decken, Fenster- und Türstürze. Behauene Steine wurden als Ecksteine, zur Gestaltung von Fassaden mancher Gebäude und zum Bau von Treppen genutzt. Die Häuser mit Fassaden aus behauenem Stein wurden von Spyridon Marinatos als Xeste bezeichnet.
In den Zeremonienräumen waren die Böden mit Schieferplatten belegt oder mit einfachen Mosaiken aus Steinen und Muscheln gestaltet. Alle Wände waren verputzt, Wohnräume mit Kalk, der manchmal in Erdfarben von rosa bis beige getönt war. Die Dächer dienten, wie heute noch in verschiedenen Mittelmeerkulturen, als zusätzlicher Wohnraum. Sie waren vermutlich mit Brüstungen in etwa Hüfthöhe umrandet, durch die an einer oder mehreren Stellen aus Stein gehauene Wasserspeier geführt wurden.

Die Bauten weisen auf einen hohen Stand der Zivilisation hin. Die Häuser verfügten über Baderäume im Obergeschoss, die durch Fallrohre aus Ton an die Kanalisation angeschlossen waren.
Ställe gibt es in der Stadt nicht, nicht einmal Kleintiere wurden in den bisher ergrabenen Häusern gehalten. Werkstätten, Läden und Lagerräume befinden sich meist im Untergeschoss, das aus einer Flucht von Räumen bestand. In der Nähe des Treppenhauses hatte fast jedes der typischen Gebäude einen Arbeitsraum, in dem Lebensmittel zubereitet wurden. Hier wurden Mahlsteine gefunden, Wasserbehälter und sogenannte pithoi, in den Boden oder Bänke eingelassene große Tonbehälter mit Vorräten.
Auffallend ist, dass bisher kein Palast oder Herrschaftssitz und keine Stadtbefestigung oder sonstige militärische Einrichtung gefunden wurde.
Die Bewohner von Akrotiri

Akrptiri war geprägt durch Seefahrt und Handel. Die Menschen verfügten über Güter aus Kreta, vom griechischen Festland und aus Kleinasien. In den bislang ausgegrabenen Häusern gab es Metallbetriebe, eine Töpferei, eine Traubenpresse und zwei Mühlen. Es gilt als sicher, dass die Stadt am bisher nicht ausgegrabenen Hafen eigene Werften und die damit verbundenen Berufe hatte.
Die hohe Qualität der Wandmalereien lässt auf spezialisierte Künstler schließen. Fast in jedem Haus stand ein einfacher Webstuhl, wie die in großer Zahl gefundenen Webgewichte belegen. Unzählige Gehäuse von Purpurschnecken und die hohe Wertschätzung des Safrankrokus zeigen, dass die Kleidungsstücke aus Wolle und Leinen aufwändig gefärbt waren. Im Umland gab es vielfältige Landwirtschaft.
Auf dem Speiseplan standen Zwiebeln, Bohnen, Linsen und Kichererbsen, Platterbsen, Weizen und Gerste. An Obst waren Feigen und Trauben beliebt, auch Pistazien waren bekannt. Überwiegend wurde Schaf- und Ziegenfleisch gegessen, aber auch Schweine und Rinder wurden gehalten. Fisch spielte eine große Rolle in der Küche, auch Muscheln und Meeresschnecken wurden gegessen. Öl wurde aus Oliven und Sesam gewonnen. Ein tönerner Bienenkorb bezeugt Imkerei. Wein wurde damals wie heute auf der Insel gekeltert.

Tongefäße wurden in vielfältiger Form und Qualität gefunden. Formen und Dekor der Gefäße am Beginn der spätkykladischen Zeit standen im Austausch mit den anderen kykladischen Inseln, insbesondere Melos als dem Zentrum des Töpferhandwerks mit den vielfältigsten Stilen. Einflüsse auf die Keramik in Akrotiri stammen auch vom minoischen Kreta und dem mykenisch geprägten Festland. Die auswärtigen Traditionen wurden in der lokalen Fertigung aufgegriffen, imitiert und zu eigenen Stilen weitergeführt.
Im südwestlichsten Teil der Grabung wurden die besten Funde mit religiösem Bezug gemacht. In einer Grube lagen Hunderte von Hörnerpaaren, ganz überwiegend von Ziegen, einige Stierhörner und ein einzelnes Paar Hirschgeweihe. In einer kleinen Holzkiste mitten unter den Hörnern wurde ein Ziegenidol aus Gold gefunden.

Die Figur ist 11 cm lang, 9 cm hoch und wiegt 180 gr. Körper und Kopf sind nach dem Wachsausschmelzverfahren gegossen, die Beine wurden später angefügt. Außerdem wurden einige Rhyta gefunden, Trink- oder Spendengefäße in Tierform, sowie kunstvoll geschmückte Schalen. Ihre Verwendung zu kulturellen oder kultischen Zwecken ist anzunehmen.
Wirtschaft und Sozialstruktur in Akrotiri
In den 1990er Jahren wurden Funde gemacht, die einen Einblick in die Handelsbeziehungen der Stadt erlauben. In einem der Herrenhäuser wurden Bruchstücke von Tontafeln ergraben, die Inventardaten in der Linearschrift A tragen. Aus diesen Einträgen geht hervor, dass Akrotiri mit großen Mengen an Schafwolle und Olivenöl handelte.
Oliven wurden auf den Ägäisinseln damals in größerer Menge als heute angebaut; hier spielte Akrotiri eine wesentliche Rolle im Handel. In der spätkykladischen Zeit stammen fast 50 % aller im Raum der Kykladenkulturen, Kreta und Zyperns gefundenen Bügelkannen - die typische Handelseinheit sowohl von Olivenöl wie von Wein - aus Santorin. Die ideale Lage an den Haupthandelsrouten war ein entscheidender Faktor für die Wirtschaft der Insel. Insbesondere war Santorin die einzige Insel, die innerhalb einer Tagesreise von Kreta aus erreicht werden konnte. Da die Handelsschiffe der Bronzezeit nachts nicht fuhren, sondern Schutz in Buchten suchen mussten, war die Insel der zentrale Trittstein für den Handel der kretischen Minoer mit allen Märkten im Norden.
Rückschlüsse auf eine Sozialstruktur, zumindest des bislang ergrabenen Teils der Stadt, können aus den Fresken gezogen werden. Jedes Wohnhaus hat wenigstens einen ausgemalten Raum. In einigen Häusern wird von den Motiven der Fresken auf die Berufe oder Herkunft der Bewohner geschlossen. Der Bewohner des Westhauses mit maritimen Motiven war möglicherweise Kapitän oder Handelsherr.
Wenn keine Befestigung der Stadt und keine militärischen Einrichtungen gefunden werden, müssen die Verbindungen zur Leitkultur in Kreta enger angenommen werden, als früher vermutet. Akrotiri stand dann nicht in Konkurrenz und hatte keine Zwangsmaßnahmen zu befürchten. Als Erklärung für das enge Verhältnis wird angenommen, dass Kreter als Handelsherren, Handwerker oder Künstler nach Akrotiri kamen, in führende Familien der Insel einheirateten und so eine familiär verbundene, gemischte Elite bildeten.
Der Untergang von Akrotiri
Anders als in Pompeji wurden in den Asche- und Bimssteinschichten von Akrotiri keine menschlichen Überreste gefunden. Es gibt in den Häusern keinen Schmuck und nur wenige aufwändig gefertigte Werkzeuge. Dies deutet darauf hin, dass die Bewohner vor dem Vulkanausbruch noch Zeit hatten, ihre Wertsachen zusammenzusuchen und auf die Boote zu fliehen.
Die Warnung vor der eigentlichen Eruption des Vulkans Santorini geschah offenbar durch ein Erdbeben. Seine Spuren zeigen sich an Treppenstufen aus behauenem Stein, die alle mittig gebrochen sind, sowie in beschädigten Wänden der Gebäude. Nach dem Erdbeben kehrten einige der geflüchteten Bewohner zurück. Sie legten die Straßen wieder frei, rissen beschädigte Mauern ein und sortierten wiederverwendbares Baumaterial. Außerdem bargen sie Möbelstücke und Güter. So wurde ein Stapel Bettgestelle gefunden, die aus einem Haus zum Abtransport bereitgestellt wurden. Unbeschädigte Krüge und Amphoren mit Lebensmitteln waren ebenfalls an Sammelstellen außerhalb der Häuser gebracht worden.
Zu diesem Abtransport kam es nicht mehr, bevor der Vulkan die menschliche Siedlung auslöschte. Der Ausbruch, die sogenannte Minoische Eruption, begann nach heutiger Erkenntnis mit dem Ausstoß von leichten Pyroklastika aus einem Vulkanschlot, der fast genau mittig im Inselrund lag. Der Ausbruch dauerte nur kurz, die Menge des ausgestoßenen lockeren Materials war gering, so dass die Bergungsteams sich in Sicherheit bringen konnten. Allerdings gibt es auf keiner der Nachbarinseln Hinweise darauf, dass rund um die Zeit des Vulkanausbruchs eine größere Einwanderung stattgefunden hätte. Es ist daher anzunehmen, dass die Flüchtlinge durch Gase der Eruption oder durch Flutwellen doch noch ums Leben kamen.
Der eigentliche Ausbruch erfolgte Monate später. Auf einigen Mauerstümpfen wuchs bereits Gras, dessen verbrannte Reste gefunden wurden. Die Eruption bestand aus mehreren Phasen. Die erste war der Ausstoß von relativ leichtem Bimsstein, der sich in einer vergleichsweise dünnen Schicht von höchstens sieben Metern Dicke niederschlug. Sie brachte Dächer durch Überlast zum Einsturz, schützte die Gebäude aber vor der Zerstörung durch die späteren, schwereren Phasen. Diese brachten dicke Ascheschichten und Lavabrocken von bis zu 5 m Durchmesser, an anderen Stellen der Insel sogar bis 20 m.
Nach dem Ende der Eruption gingen langandauernde intensive Niederschläge auf die Reste der Insel herab. Sie sammelten sich in Sturzbächen und wuschen tiefe Rinnen in die verwüstete Landschaft. Eine der Abflussrinnen verläuft durch die heutige Grabung und sie hat mehrere Räume durch mitgeführten Schlamm und Asche so schnell und so vollständig angefüllt, dass sich hier Gegenstände besonders gut erhalten haben.
Die Datierung der Minoischen Eruption und damit des Untergangs der Stadt Akrotiri ist nicht gesichert. Die jüngsten Keramikstile der Stadt werden über Funde auf Kreta und in Ägypten mit der ägyptischen Chronologie synchronisiert und auf ca. 1530 v. Chr. datiert. Naturwissenschaftliche Methoden, den Ausbruch anhand der Radiokarbon-Methode und durch Ablagerungen vulkanischer Aschen im grönländischen Eis einzuordnen, deuten auf die 1620er Jahre v. Chr. hin. Die Interpretation der widersprüchlichen Angaben ist Gegenstand einer Debatte in den Fachwissenschaften .
Nach den spärlichen archäologischen Funden zu urteilen, dauerte es mehrere Jahrhunderte, bis sich die Vegetation so weit erholt hatte, dass die Insel für die Wiederbesiedelung durch Menschen attraktiv wurde. Herodot berichtet von einer phönizischen Siedlung, die aber bislang nicht nachgewiesen werden kann. Eine nennenswerte Bevölkerung kam erst im 9. Jahrhundert v. Chr. mit den Dorern, nach deren von Herodot und Pausanias überliefertem Anführer Theras die Insel von da an „Thera" genannt wurde. Sie siedelten nicht mehr an der Stelle von Akrotiri, sondern errichteten ihre Stadt Alt-Thera auf einem Felsgrat des Berges Messavouno oberhalb des heutigen Ortes Kamari.
Die Fresken

Bezeichnend für den hohen Lebensstandard der Akrotirer sind die vielfältigen Fresken. Die Themen reichen von geometrischen Mustern über Alltagsszenen, Seefahrt und Landwirtschaft bis zu sportlichen oder kultischen Spielen. Landschaftsbilder zeigen die Tier- und Pflanzenwelt auf Santorin und die exotischer Länder wie Ägypten. Die Wandgemälde wurden typischerweise auf feuchtem Putz begonnen, anders als die klassischen Fresken und auf getrocknetem Untergrund im Sinne einer Seccomalerei fortgesetzt, so dass die Haltbarkeit in verschiedenen Teilen des Bildes unterschiedlich ist.
Die Fresken in den Häusern unterscheiden sich in Thematik und Stil deutlich, da verschiedene Künstler am Werk waren. Gemeinsam sind ihnen die sorgfältige und detailgenaue Ausführung und das verwendete Farbspektrum. Außer dem Weiß des gekalkten Untergrunds wurden überwiegend drei Farbtöne verwendet: Gelb in Form von Ocker und vereinzelt Jarosit, Tiefrot ebenfalls aus Ocker und gelegentlich Hämatit und ein kräftiger Blauton aus Ägyptisch Blau und vereinzelt dem Silikat Glaukophan .Graphit und Mischungen aus sehr dunklem Blau-Schwarz dienten zur Zeichnung von Konturen und Details.
Die Fresken zeigen neben dekorativen Mustern vor allem Motive aus dem Leben der Menschen. Sie erlauben einen detailreichen Einblick in die Bronzezeit.

Personen
Abbildungen von Menschen bieten einen besonderen Zugang zum Leben der bronzezeitlichen Akrotirer. Einige Männer, die bei formellen Handlungen dargestellt sind, tragen einen für die ägäischen Kulturen ungewöhnlichen langen Mantel in Weiß, wie er in Linear-B-Texten aus Knossos, Kreta beschrieben wird und noch mehrere Jahrhunderte später bei Homer als Chlaina in einfacher oder doppelter Form erwähnt wird.
Einige wenige Figuren beiderlei Geschlechts, die als Leiter von Zeremonien gedeutet werden, tragen ein Gewand, das aus dem Nahen Osten bekannt ist. Es handelt sich um ein Tuch, das zweifach um den Körper gewickelt wird, einmal unter den Achseln, die zweite Lage über die Schulter, wo es mit einer Spange gehalten wird und von wo der Rest des Tuches locker über den Rücken fällt. Auch hier sind die Gewänder mit zwei breiten abgesetzten Streifen geschmückt.
Frauen tragen - abgesehen von den oben erwähnten Priesterinnen - entweder einen knöchellangen farbigen Rock und eine Bluse mit Ärmeln bis zu den Ellenbogen oder ein Kleid mit kurzen Ärmeln, dessen Oberteil auf der Vorderseite weit unterhalb der Brüste geschlossen wurde.
Die Massenszenen im Westhaus sind am aussagekräftigsten. Etwa 370 Personen sind auf den Miniaturfresken des Zeremonienraums abgebildet. Davon sind 120 schematisch dargestellte Ruderer in den Booten, andere sind für eine Beurteilung zu schlecht erhalten. Um die 170 männlichen Figuren mit ausreichend erkennbarer Bekleidung stehen nur zehn Frauen gegenüber. Während die meisten Männer individuell dargestellt sind, erscheinen fast alle Frauen uniform in Kleidung und Frisur lediglich an den Fenstern der Stadt abgebildet.
Nacktheit kommt in zwei Kontexten vor, Sterbende in einer Schiffbruchszene werden nackt dargestellt, um ihre Verletzlichkeit auszudrücken, und einige fast lebensgroße Abbildungen, die in besonderem Maße als Raumschmuck dienen, zeigen Nacktheit.
Krieger tragen Schwert, Speer, Schild und einen Helm. Schwerter aus Bronze waren rar, teuer und nur wenig effektiv. Sie wurden als Stichwaffen getragen, jedoch nur selten im Kampf benutzt. Hauptwaffe war der Speer, der auch in der Jagd Anwendung fand.
Zwei Typen von Schilden sind aus der griechischen Bronzezeit bekannt, die Rechteckform und Schilde in Form einer Acht. Bilder beider Typen finden sich auf Darstellungen in Mykene. Nur der erste Typ wird in Akrotiri dargestellt.
Schiffe in Akrotiri
Für eine Seefahrts- und Handelskultur ist besonders charakteristisch, wie ihre Boote dargestellt werden. Die meisten Boote wurden mit Rudern angetrieben, Segel konnten nur selten den Antrieb unterstützen, da eine Fahrt nur vor dem Wind möglich war. Die auf den Fresken abgebildeten größeren Boote reichen von fünf bis 24 Rudern. Aufgrund der Perspektive muss dieselbe Anzahl auf der Gegenseite angenommen werden. Die Boote waren seegängig und konnten problemlos weiter entfernte Ziele ereichen.
(Informationen: u.a. Heidelberger Akademie der Wissenschaften)

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